Musik 2016-10-24T22:17:16+00:00

Musik

Der Musikunterricht an der Waldorfschule

„Schutzengel mein, behüt mich fein…“
„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“
Zauberflöte, Bach, Beethoven, Schubert, Meistersinger, Traviata, aber auch Schönberg, Ligeti, Nono…
Und dann noch die Beatles, Ärzte, techno, hiphop, Rap, Schlager, südamerikanische Rhythmen –
Niemand möchte (oder kann?) ohne Musik leben.
Und tatsächlich umgibt uns Musik tagtäglich und manchmal mehr als uns lieb ist…
Im Normalfall handelt es sich dabei allerdings um Musik, die wir konsumieren, die wir vielleicht konzentriert anhören oder im Radio mitsummen, die uns zur Bewegung anregt oder uns emotional aufheizt. Aber wir musizieren nicht selbst.
Und überhaupt: Ist uns immer jede Musik recht (abgesehen von unseren ohnehin vorhandenen Vorlieben)? Wenn ich krank bin, ertrage ich z. B. nur Musik von Mozart oder Rossini – allein die Vorstellung, Zwölftonmusik (die ich sonst sehr schätze!) hören zu müssen, lässt das Fieber steigen…
Und gehört hiphop eigentlich in Kinderohren?
Inwieweit können wir an der Entwicklung der Kinder absehen, welche Musik ihnen gut tut und welche eher nicht?
Dass das alltägliche Leben unsere Kinder nicht immer schützt, sondern sie oft Dingen aussetzt, die noch zu früh für sie sind – damit müssen wir leben und dagegen können wir wenig tun. Aber zu Hause und in der Schule können wir Einfluss nehmen und doch so manches wieder ausgleichen.
Deshalb möchte ich nun versuchen, das musikalische Leben an unserer Schule im Zusammenhang mit den verschiedenen Altersstufen darzustellen. Dieses kann nur in allgemeinen Richtlinien geschehen. Denn da Musik etwas Lebendiges ist, immer im Moment geschieht und ein sehr starkes Begegnungselement enthält, wird trotz aller gemeinsamen  waldorfpädagogischen Ideen jeder Lehrer und jede Schule den Musikunterricht anders gestalten.
Ein Grundelement, das sich aber in der Waldorfschule in allen Altersstufen wieder findet,
ist das eigene musikalische Tun. Vor allem theoretischem und geschichtlichem Wissen
steht das Singen und Musizieren, ob auf Flöten, Trommeln oder den „klassischen“ Orchesterinstrumenten.

1. und 2. Klasse

Staunend und allem Neuen offen gegenüber stehend kommen die Kinder in die Schule. Die meisten Kinder haben noch große Freude an der Bewegung, wenngleich sie erst lernen müssen, in einer Gruppe zusammen zu schwingen. Dabei hilft oft die Musik. Auch außerhalb des eigentlichen Musikunterrichtes erklingen häufig Lieder und sie verbinden die Kinder im gemeinsamen Tun.

Diese Kinder sind noch stark mit ihrer Umgebung verbunden; sie leben in den Gefühlen und Gedanken ihrer Mitmenschen und wir haben manchmal den Eindruck, dass sie diese „lesen“.
Auch ist für sie noch selbstverständlich, dass alles belebt ist, dass Sonne und Mond sich miteinander unterhalten, dass das Schneeglöckchen sein weißes Kleid voller Mitleid verschenkt und dass der Prinz nicht immer als solcher erkennbar ist, wenn er noch auf dem Wege zum Siege ist.

Was bedeutet das alles für den Musikunterricht?
Die Kinder schwingen mit anderen Menschen mit – dazu passt kein fester Takt oder exakter Rhythmus. Sondern dazu gehört ein freies, dem Atem folgendes Singen.
Ebenso wenig stimmen diatonische Melodien dazu, die eine klare Tonart und einen festen Grundton haben, auf dem sie normalerweise enden. Die pentatonischen Lieder haben keine Halbtöne, beginnen und enden auf beliebigen Tönen und vermeiden so alles Starre.
Viele Lieder werden ihrer seelischen Stimmung nach mit Bewegungen begleitet, mal eher sanft, dann auch lebendig und stürmisch, mit Regentröpfchen oder Vogelnest.
Wie alles andere in dieser Altersstufe werden auch die Lieder mit entsprechenden Geschichten oder erzählten Bildern eingeführt.

In den pentatonisch gestimmten Kinderharfen finden wir das schwingende und freie Musizieren wieder. Zart erklingen die Saiten, von hell nach dunkel wandern die Melodien und so manches Kind, das sonst eher unruhig und laut ist, findet hierbei in ein träumendes Hören.

In der Mitte der ersten Klasse beginnen die Kinder auch mit dem Flötenspiel. Stück für Stück lernen die Finger den richtigen Platz auf der Flöte zu finden und vorsichtig und zart erklingen die ersten Töne und Melodien.
Hier wie immer in den ersten Jahren bleibt es beim einstimmigen Musizieren. Allenfalls begleiten einmal eine Triangel oder eine Trommel an aus gewählten, vom Bild her passenden Stellen die Lieder.

In der zweiten Klasse, in der neben den Heiligen auch die Tiere mit ihren Einseitigkeiten im Mittelpunkt stehen, taucht als neues Element das rhythmische auf. Voller Freude wiederholen die Kinder auch schwierige Rhythmen auf Klanghölzern oder Trommeln, ebenso wie mit den Händen oder den Füßen ist nun neben dem Musizieren in der Gruppe immer öfter das selbstständige Spielen gefragt. Weiß ich, mit welchem Ton ein Lied anfängt? Höre ich, wohin die Melodie wandert? Das für die meisten Kinder eher unbewusste Spielen und Singen in der Gruppe wandelt sich zum wacheren Tun.

3. Klasse

Jetzt kommen die Kinder ihrem Erdendasein einen Schritt näher. Um sie hier heimischer werden zu lassen, lernen sie Grundlegendes kennen: woher unsere Nahrung, besonders das Brot, kommt, was alles für unsere Kleidung nötig ist und wie Häuser gebaut werden. So werden sie immer mehr zum Erdenbürger.

Auch in der Musik werden die Kinder mehr auf die Erde geführt: Das Liedgut verändert sich; die Melodien beruhen oft auf den Kirchentonarten, die einen Übergang zwischen der Pentatonik und der Diatonik bilden.
Außerdem lernen die Kinder jetzt die Notenschrift, normalerweise in der zweiten Jahreshälfte. Dabei wird das Gewicht erst einmal stärker auf die Tonhöhen gelegt.
Oft beginnt jetzt auch das erste Kanon-Singen.

4. Klasse

In dieser Zeit haben die Kinder meist einen wichtigen Entwicklungsschritt hinter sich gebracht, den sog. Rubikon. Nun ist die Einheit mit der Welt, in der sie bisher lebten, zerbrochen und sie stehen ihr als selbstständige Wesen gegenüber. Vieles sehen sie jetzt auf eine neue Art und Weise und manches müssen sie neu kennen lernen oder verstehen. Dazu verhelfen im Unterricht das Bruchrechnen, die Grammatik und die Heimatkunde.

Nun werden im Musikunterricht neben den Tonhöhen besonders die Tonlängen behandelt (vergleiche: Bruchrechnen). Auch das genaue Üben des Kanons findet hier seinen Platz, denn die Selbstständigkeit jedes Einzelnen muss den Platz in der Gruppe (wieder) finden. Und so kann ebenso das mehrstimmige Singen und Flöten (mit oder ohne Noten) beginnen.

5. Klasse

Haben sich die Kinder während der unmittelbar vorangegangenen Schuljahre aus der Einheit mit der Welt gelöst, so gilt es nun, eine neue bewusster erlebte Harmonie zu erlangen. Diese erahnen sie im Erleben von Ausgewogenheit und Ebenmaß. Gleichzeitig erfahren sie darin das Wirken geistiger Gesetzmäßigkeiten in ihrer Umwelt, deren Verwirklichung eine aktive Anpassung durch konsequentes Üben erfordert.

Im Musikunterricht tritt eine Zeit ein, in der der Gesang der Kinder von ganz besonderer Schönheit gekennzeichnet ist. Der Schwerpunkt der erarbeiteten Stücke verlagert sich vom polyphon gesetzten zum harmonisch begleiteten Lied und mündet in das Erarbeiten homophoner dreistimmiger Sätze. Eine erste Beschäftigung mit der musikalischen Formenlehre, der Dur-Tonleiter und einfachen tonartlichen Beziehungen führt zu erstem Entdecken von Gesetzmäßigkeiten, die die musizierten Werke durchdringen.

Etwa zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr vollziehen die Schülerinnen und Schüler den einschneidenden Entwicklungsprozess der Pubertät. In dieser Zeit verstärken sich die Gefühls- und Willenskräfte in einem Ausmaß, dass sie die jungen Menschen dominieren und häufig in ihren Extremen zur Entfaltung kommen. Gleichzeitig erwachen die intellektuellen Kräfte, mit denen die Jugendlichen die Welt kausal zu verstehen lernen, was ihnen in dieser Phase innerer Unsicherheit ein Gefühl von Klarheit und Gewissheit vermittelt.

6. Klasse

In einer Entwicklungsphase von Unsicherheit und daraus resultierender möglicher Vereinsamung bildet das gemeinsame Musizieren einen wichtigen Gegenpol zum Erhalten der inneren Balance. Dieses Erleben wird bestärkt durch ein erstes Erarbeiten eines musikdramatischen Werkes wie z.B. der „Zauberflöte“ oder einzelner Teile desselben, in denen die vorherrschenden Fragestellungen der Jugendlichen verhandelt werden und dass zudem eine erstmals größere gemeinsame Kraftanstrengung und Aufgabenbewältigung erfordert, die Selbstbestätigung als Teil der Klassengemeinschaft zum Erlebnis werden lässt.
Die intellektuellen Kräfte werden am Kennenlernen des Quintenzirkels und der Instrumentenkunde entwickelt.

7. Klasse

In der siebten Klasse steht das Musizieren aus Freude am Tun und Entdecken im Vordergrund.
Balladen in denen in einem dramatischen Geschehen mit Rede und Gegenrede Seelenstimmungen ausgestaltet sind, die der Verfassung der Jugendlichen nah verwandt sind, lassen sie sich unmittelbar mit der Musik verbinden. Parallel zum Geographie-Unterricht lassen sich Lieder unterschiedlichster Länder und Stile vom argentinischen Tango bis zum Flamenco entdecken.
Vor dem Hintergrund der Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten wird über die Beschäftigung mit den Intervallen, der Formenlehre und den ersten Grundlagen der Harmonielehre auf eine erste Urteilsfähigkeit hingearbeitet.

8. Klasse

In der achten Klasse steht beim Klassengesang der Stimmbruch im Vordergrund. Auch wenn dessen musikalische Bewältigung eine große Herausforderung, oftmals gepaart mit einer großen inneren Verunsicherung darstellt, ist gerade hier das kontinuierliche Singen wesentlich. Stolz kann man am Ende dieser Durststrecke auf seine neue klangvolle Stimme sein, die ganz neue und noch fremde musikalische und ausdrucksmäßige Möglichkeiten eröffnet! Unsere achte Klasse beweist diese Bereicherung in jeder Musikstunde.
Als Repertoire bieten sich Lieder und Balladen der Romantik an, in denen Gefühlen wie Einsamkeit, Individualisierung und Wahrheitssuche, den oftmals brennenden Fragestellungen dieser Altersstufe, Ausdruck gegeben wird.
Die Ausbildung der Urteilsfähigkeit wird an der Beschäftigung mit der Melodielehre und Erfahrungen in der Improvisation fortgeführt.

Mit der neunten Klasse treten die Jugendlichen in die Oberstufe ein, die bis zum Ende des zwölften Schuljahres dauert und die eigentliche Waldorfschulzeit beschließt. In dieser Zeit entwickeln sich ihre Individualität und Mündigkeit, gleichzeitig führt sie sie von der Ich-Bezogenheit zur Sozialität. Diese Prozesse zu wecken und begleiten wird Inhalt des Unterrichtes.

9. Klasse

Die neunte Klasse ist geprägt vom Duktus des sich selbst im Mittelpunkt sehenden barocken Menschen. Entsprechend steht die monothematische Musik der Barockzeit im Mittelpunkt des Musikunterrichtes.
Vom Kanon bis hin zur Fuge und Suite erarbeiten sich die Jugendlichen die Strukturmerkmale einzelner Werke und setzen diese beim Improvisieren praktisch um. Sie lernen, Werke differenziert zu charakterisieren, beschreiben und vergleichen und dabei das bisher Gelernte anzuwenden und zu vertiefen.
Das gesungene Repertoire erweitert sich um Kunstlieder, Beispiele aus Unterhaltungsmusik und politischem Chanson unter Einbeziehung von Liedtexten in den gelernten Fremdsprachen. Dabei sollen auch Fähigkeiten zum stilgerechten Aufführen der entsprechenden Stücke geweckt und erlernt werden.

10. Klasse

Über der zehnten Klasse steht das Bild des dialektisch denkenden und diskutierenden Menschen der Aufklärung und damit die Entwicklung der Versachlichung und Einbeziehung gegenteiliger Meinungen in das eigene Denken.
Für den Musikunterricht bedeutet dies, dass als musikalische Hauptform die Sonatenform behandelt wird. Ihre Eigenschaften von der organischen Fortentwicklung eines Themas bis hin zur dialektischen Entwicklung und Lösung von Kontrasten werden aus der Improvisation heraus erarbeitet und an Beispielen von Werken der Wiener Klassik betrachtet hörend mitvollzogen. Die sich andeutende Figur des „freien Musikers“ wird durch Referate von Musikerbiographien erkannt und in ihrer musikalischen und gesellschaftlichen Bedeutung reflektiert.
Das gesungene Repertoire erweitert sich um Stücke aus Oper, Musical und Chanson.

11. Klasse

In der elften Klasse erweitert sich die Bestrebung des Objektivierens von Wahrnehmungsinhalten um eine Verstärkung des Subjektiven Empfindens, des Erlebens des Vagen, Irrationalen und Unbestimmten, das auch den Erkenntnisprozess mitbestimmt.
Analog hierzu steht im Mittelpunkt des Musikunterrichtes die Epoche der Romantik.
In der Erarbeitung von Kunstliedern erleben die Jugendlichen inhaltlich, klanglich und formell den Geist dieser Zeit mit seinem Drang hin zum Individuellen, zum sich selbst mit seinem Erleben in den Mittelpunkt stellenden Künstlers. Dessen Spuren in seiner Musik und seiner Biographie, sowie die Unterschiedlichkeit der Quellen, derer sich die Musik bedient, bilden das Feld vielfältiger Entdeckungen dieses Schuljahres.
Zusätzlich zum normalen Musikunterricht findet in der elften Klasse eine mehrwöchige Musikepoche statt. In ihr wird die Entwicklung der Musik  von den uns bekannten Anfängen bis zum Ende der Romantik nachvollzogen und in Bezug zur eigenen Bewusstseins-Entwicklung gesetzt.

12. Klasse

In der zwölften Klasse vollzieht sich bei den Jugendlichen ein Bewusstseinswandel, währenddessen das Empfinden, Teil einer sie umgebenden und wärmenden Gemeinschaft zu sein, mehr und mehr einer Hinwendung zu sich selbst und dem Entdecken und auf die Zukunft gerichteten Verwirklichen der persönlichen Lebensmotive weicht. Dabei werden auch Orientierung und Inspiration in Werken zeitgenössischer Kunst und Musik gesucht. Dies führt zum übergeordneten Thema des Musikunterrichtes der zwölften Klasse, der Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen lernen Musik dieser Epoche kennen und beschreiben. Zudem sollen sie sich bewusst werden, dass sie selbst Teil dieser Zeit sind, dass Interesse an Fragen zeitgenössischer Musik Interesse an ihrer eigenen Gegenwart bedeutet. Sie vollziehen den Aufbruch zu neu zu suchenden Kompositionsmitteln von erweiterter Harmonik bis hin zur Atonalität und der Einbeziehung von jeder Art elektronischer und anderer Mittel zur Klangerzeugung an exemplarischen Werken nach.
Auch das zu erarbeitende Lied-Repertoire setzt seinen Schwerpunkt auf Werke des zwanzigsten Jahrhunderts bis zur unmittelbaren Gegenwart.

Sind die Schülerinnen und Schüler diesen Weg durch die schon bestehende „vorgedachte“ Musik bis zur Gegenwart des eigenen individuellen Suchens und Entdeckens des persönlich Wesentlichen gegangen, so stehen sie an der Stelle ihres Lebens, wo sie gerüstet mit ihren gemachten Erfahrungen ihren ganz individuellen Weg gestalten müssen. Auf diesen entlässt sie die Waldorfpädagogik mit dem Ende der zwölften Klasse.

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