Das Kind im 9./10. Lebenjahr erlebt einen Entwicklungsschritt, den Rudolf Steiner als „Überschreiten des Rubikon“ bezeichnet. Die Nachahmungskräfte versiegen allmählich, das selbstverständliche Verbundensein mit der Welt reißt ab und das Kind stellt sich der Welt mehr und mehr betrachtend gegenüber. Es begibt sich auf die Suche nach einem neuen Weg sich mit der Umgebung zu verbinden. Der Lehrplan greift diesen Entwicklungsschritt auf und versucht die Kinder auf diesem Weg zu begleiten.
ERZÄHLSTOFF Den Stoff zum Erzählen und Nacherzählen bieten in diesem Schuljahr die Geschichten des Alten Testamentes. Am Anfang lernen die Kinder die Schöpfungsgeschichte bis zur Vertreibung aus dem Paradies kennen. Mit der Vertreibung aus dem Paradies erfahren die Kinder im Bilde das für sie neue Gefühl der Trennung von der Außenwelt. Sie erfahren, wie der Mensch jetzt selber auf der Erde tätig werden muss, wie er gezwungen ist sich ihrem Rhythmus und ihren Gesetzen anzupassen, um zu überleben. Die Verse der Genesis werden deutsch und der Anfang auch hebräisch rezitiert.
Bauern-, Hausbau- und Handwerkerepochen Durch die eigene Tätigkeit in der Feldbau- oder Bauernepoche erleben die Kinder nun ganz real wie durch den Einsatz ihrer Körperkraft zusammen mit Sonne, Licht, Regen und den Jahreszeiten Nahrung entsteht. Die Arbeitsschritte dieser Epoche erstrecken sich über ein ganzes Jahr: Wir machen die Kinder mit den vier wichtigsten Getreidearten bekannt und lassen sie alle Arbeiten des Bauernjahres selbst ausführen: sie ziehen den Pflug selbst durch den Acker, eggen, säen, jäten, düngen, ernten, dreschen, mahlen und kneten schließlich den Teig um das Brot zu backen. Es stärkt das Kind für das ganze Leben, wenn es einmal alle Arbeiten eigenhändig ausgeführt hat, die uns heute die Maschinen abnehmen. Dabei bekommt es eine erste reale Empfindung dafür, wie Himmel und Erde zusammenwirken, um uns die Nahrung zu geben.
Das Rechnen schließt in diesem Schuljahr stark an die praktischen Dinge des Lebens an. Der Sachkundeunterricht ist hierfür eine hervorragende Quelle. Die Kinder lernen ausgehend von den alten Maßen wie Elle, Fuß, Spanne.. die heute gültigen Maße kennen. Auch das Geld wird jetzt behandelt und die schriftlichen Formen der vier Grundrechenarten eingeführt und geübt. Dabei ist es wichtig, dass die Kinder immer einen Bezug zum Alltag erleben. So bauen wir beispielsweise im Klassenzimmer einen Markt mit verschiedenen Ständen auf, an denen die Kinder mit echtem Geld einkaufen und verkaufen können. Es ist auch das Alter, wo die Freude am Entdecken von Zahlengeheimnissen erwacht. Die Kinder sind für einfache Denksportaufgaben und kleine Spitzfindigkeiten sehr empfänglich und dürfen jetzt schon echte Probleme zu lösen versuchen. Nach alledem üben wir immer wieder das Einmaleins. DEUTSCH Im Schreiben suchen wir den Übergang von den Buntstiften hin zu Feder und Tinte und schließlich zum Füllfederhalter. Das Lesen wird an geschriebenen und gedruckten Texten weiter gepflegt. Die Kinder lesen viel laut in der Klasse vor, um an Ausdruck und Gestaltung der Sprache zu üben.
Die Grundelemente der Notenschrift werden in geschichtlichen Bildern erarbeitet. Somit findet eine erste Abstraktion vom elementaren Musizieren der vorangegangenen beiden Schuljahre statt. Die Quintenstimmung der ersten beiden Schuljahre wird verlassen und zur Diatonik übergegangen, in der es Grundtöne gibt. An die Stelle der pentatonischen Flöte ( 5 Ton-Flöte) tritt nun die C-Flöte (Blockflöte).
Die schwindenen Nachahmungskräfte der Kinder verlangen vom Unterrichtenden einen neuen Griff. Wachsenden inneren Bildern muss Raum gegeben werden. Alle bisher gelernten Unterrichtsinhalte werden in neuen Variationen wiederholt und erweitert und die Themen des Hauptunterrichts hinzugenommen. So wird der Bereich der Handwerker, der Berufe allgemein thematisiert und es können sich mannigfaltige kleine Dialoge und Konversationen entwickeln. Viele Grammatikgebiete werden durch den ganzen Unterricht unbewusst angelegt und geübt. Das ganze Alphabet wird spielerisch gelernt und bereitet auf das Lesen und Schreiben in der 4. Klasse vor. FORMENZEICHNEN Den vorausgegangenen Symmetrieübungen der 2. Klasse schließen sich jetzt „asymmetrische Symmetrien“ an. Hier geht es um Linien, die sich von einem Mittelpunkt aus nach drei Seiten entfalten, zu denen das Kind ergänzende Formen finden soll. Diese Zeichenübungen schulen das innerlich raumhafte Vorstellen. MALEN In den ersten drei Schuljahren malen die Kinder hauptsächlich „aus der Farbe heraus“. Sie lernen die sinnliche Wirkung und seelische Stimmung der verschiedenen Farben kennen und anwenden. Wurde in den ersten zwei Jahren hauptsächlich mit den Grundfarben gelb, rot und blau gearbeitet, so werden nun auch Mischfarben einbezogen. Die Inhalte sind vielfältig, angefangen von kleinen Farbgeschichten, wie das Blau durch das Rot hindurchschaut über Jahreszeitstimmungen bis hin zu illustrativen Erzählinhalten. Wichtig dabei ist, dass die Form aus der Farbe herauswächst.
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