Julius Dessecker
Grußwort des ehemaligen Schülers Eugen Koliskos

Liebe Schulgemeinde, und sehr geehrte Gäste.

Da Sie mich eingeladen haben, an diesem Eröffnungsfest einige Worte zu sprechen, so bringe ich zunächst Grüsse aus dem kleinen südlichen Nachbarland, der Schweiz, die ich Ihnen mit herzlichen Wünschen überbringen darf.

Mit Ihrem Schulkonzept beschreiten Sie ja, äußerlich gesehen, einen ganz eigenen, unüblichen Weg, jedoch mit denselben, menschenkundlich fundierten Grundlagen der Rudolf-Steiner-Pädagogik, die noch heute wie vor 80 Jahren volle Gültigkeit haben. Wie sich die Lebensformen und unsere Umgebung von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort wandeln und neu gestalten, tritt uns besonders hier in Berlin deutlich vor Augen. So ergab sich auch für Ihre besondere Situation an der Havelhöhe dieses interessante Projekt.

Der Mut, einen solchen Weg bewußt zu gehen, verdient die allseitige Anerkennung und unsere aufrichtige Gratulation.

Damit sei auf die Persönlichkeit Eugen Kolisko hingewiesen, nach der Sie Ihre Schule benannt haben. Ihm ging es um die Verwirklichung eines freien Geisteslebens, in welchem die erste Waldorfschule einen Anfang bilden sollte. Er hat zu einem wesentlichen Teil die erste Waldorfschule in Stuttgart mitgeprägt und er wurde im Rückblick auf die anfängliche Entwicklung dieser Schulbewegung fast zum Idealbild eines Schularztes.

Eugen Kolisko, geb. am 21. März 1893 wuchs in einem Elternhaus in Wien auf, in welchem Professoren der Universität, berühmte Ärzte und bedeutende Künstler freund-schaftlich verkehrten. Der Vater war Hofrat, Professor und höchster Experte des Landes für gerichtliche Medizin - eine allgemein beliebte und hoch geschätzte Persönlichkeit.

Damit war die Laufbahn des anfangs kränklichen aber sehr begabten Sohns fast vorgezeichnet. Er schloß seine Schul- und Studienzeit bis zum Doktorat jeweils mit besonderem Erfolg ab und es schien, daß ihm als anerkanntem Gerichtsmediziner und Mitarbeiter an der Universität eine glänzende akademische Laufbahn sicher sei.

Nach längerem Studium der Anthroposophie (seit 1914) hörte er gegen Ende des Jahres 1919 die Vorträge Rudolf Steiners in Mannheim und in Stuttgart über die "Dreigliederung des sozialen Organismus", die von Tausenden besucht wurden. Dabei fand sich auch mehrmals Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit Rudolf Steiner.

In dieser Vorweihnachtszeit besuchte Kolisko auch die neugegründete "Freie Waldorfschule" an der Stuttgarter Uhlandshöhe und erlebte dort die Weihnachtsfeier und all die begeisternden Aktivitäten der Kinder,- ein Erlebnis, das ihn ebenso tief berührte wie die persönlichen Begegnungen mit den Lehrern.

Dies gab ihm den entscheidenden Einschlag in seinem Leben, denn durch seinen Stuttgarter Besuch knüpften sich tiefe Beziehungen zum dortigen Lehrerkollegium an. Als Folge dieser Kontakte erhielt er bald dringende Anfragen für eine Mitarbeit an dieser Institution. Die wachsende Schülerzahl und die damit immer grösseren Aufgaben traten ihm klar vor Augen.

So rang sich Eugen Kolisko zum Entschluß durch, seine Laufbahn an der Universität zugunsten der Waldorfschule aufzugeben. - Weder seine Verwandtschaft, die durch Generationen in mehrfacher Art hier führend tätig war, noch seine Kollegen vom chemisch-medizinischen Institut konnten begreifen, daß er die erfolgreiche Arbeit als anerkannter Wissenschaftler und als Dozent verlassen wollte, um an einer noch unbe-kannten, privaten Schule als Volkschullehrer zu wirken.

Ab März 1920 unterrichtet er an der Waldorfschule zunächst die Fächer Englisch, Chemie und Naturkunde, zudem wird er als naturwissenschaftlich versierter Redner für die Dreigliederungsbewegung tätig. Als solcher wird er von Rudolf Steiner ganz besonders geschätzt, der nach einem dieser Vorträge erklärt, Kolisko sei "eine durch und durch wissenschaftlich überzeugende Persönlichkeit... da hat man die Empfindung: der redet bis ins Herz hinein wahr." Diese Worte geben genau das wieder, was auch die Schülerinnen und Schüler stets empfunden haben. Die Waldorfschule umfaßte damals zunächst acht Grundschulklassen, die jährlich aufrückten bis zur 12. Klasse eine 13.,sogenannte "Vorbereitungsklasse" folgte für diejenigen, die das Abitur anstrebten. Sie lag außerhalb des eigentlichen Lehrplans und wurde erst 1924 eingerichtet.

Für Kolisko ergaben sich, neben den eigentlichen Unterrichtsfächern, zusätzliche Aufgaben, die aus dem unterschiedlichen sozialen Hintergrund der Kinder hervorgin-gen, denn mehr als die Hälfte der Eltern waren Fabrikarbeiter oder -Arbeiterinnen, besonders in der Anfangszeit, was im Klassenverband und im Unterricht problemlos harmonierte, trat bei den ärztlichen Untersuchungen deutlich hervor. Mangelerschei-nungen als Folge von Unterernährung in den letzten Kriegs- und den ersten Nach-kriegsjahren zeigten sich in mehrfacher Weise. Um diese Schäden zu beheben, gab Rudolf Steiner entsprechende Anweisungen und Mittel für die ärztliche Behandlung. Glücklicherweise war nun Eugen Kolisko im Lehrerkollegium, der mit den Verordnun-gen sachgemäß umgehen konnte. Auf seine Initiative wurde das Schularztzimmer eingerichtet.

Nach dem morgendlichen Epochenunterricht in sämtlichen Klassen, trafen die be-stellten Kinder- von der großen Pause an- im Arztvorzimmer ein, wobei sich auch solche gerne einschlichen, die nur als kameradschaftliche Begleiter kamen. Die Koliskosche Kompetenz erzeugte bis ins Wartezimmer eine wohltuende Atmosphäre. Auch Rudolf Steiner besuchte diese Einrichtung immer wieder, um auch dort mit Rat und Tat zu helfen. Bald kamen zu den täglichen Notfällen, auch ratsuchende Kollegen und sogar Eltern, die um medizinische Anweisungen für ihre Kinder baten.

Eine weitere Frucht von Koliskos Wirken entstand aus der Sorge um die tägliche Ernährung für diejenigen, die wegen des weiten Schulwegs oder auch wegen den voll arbeiteten Müttern (schon damals!) über Mittag nicht zu Hause sein konnten. (Damals war die allgemeine Arbeitszeit noch nicht so, daß der Grossteil der Kinder wie auch die Väter am Familientisch die gemeinsame Hauptmahlzeit einnehmen konnten). Da suchte Kolisko Freunde und Gönner, um eine geeignete Schulküche einrichten zu lassen, wo es eine Mittagsmahlzeit und in den Pausen ein warmes Getränk geben sollte. Er fand, insbesondere in Holland, die notwendige Unterstützung und bald war die "holländische Küche" in Betrieb. Sie bildete ebenfalls einen beliebten Treffpunkt, den auch solche Kinder schätzten, die weder einen sehr weiten Schulweg noch auswärts arbeitende Mütter hatten!

Noch lange nach dem zweiten Weltkrieg wurde die reaktivierte Küche wieder benutzt - nicht zuletzt von Teilnehmern an den pädagogischen Tagungen der Stuttgarter Waldorfschule.

Wer als Schüler Eugen Kolisko auf dem Schulgelände sah, der entdeckte in ihm den besonnenen Arzt und Wissenschafter, der zwar viel beschäftigt, aber nie geschäftig ist. In seiner selbstlosen Art ging er stets auf andere, auch auf die Kinderein, während seine privaten Anliegen und Sorgen oftmals sogar nahestehenden Freunden verborgen blieben.

Betrat er ein Schulzimmer, etwa den Chemiesaal mit seiner eher kleinen, zierlichen Gestalt mit seiner leicht nach rückwärts geneigten Kopfhaltung, so erfaßte er die Klasse mit einem Blick, der über die Schülerschar hinaus gerichtet schien. Es war wohl ein Moment der inneren Sammlung, dem unter Umständen ein ganz lapidarer Satz folgte, um erst dann präzis und lebendig in das eigentliche Unterrichtsgebiet einzuführen. Die Oberstufe parodierte amüsiert solche Sätze und machte sie zu "geflügelten" Worten, beispielsweise "Das Auge ist ein Organ, welches man das Auge nennt", vorgetragen in wienerischer Färbung, die bei Kolisko stets mitschwang. Bei seinen Darstellungen anhand von Experimenten, speziell in der Chemie, und bei ähnlichen Gelegenheiten, scharte sich die Klasse eng um ihn herum und bewunderte den Könner, der hier mit sicherer Hand am Werk war.

Erst im Rückblick auf Koliskos Wirken und Mitgestalten in der ersten Waldorfschule und auf seinen Einsatz für ein freies Geistes- und Erziehungswesen, ist man geradezu überwältigt von der Vielfalt seiner Aufgaben und seiner enormen Schaffenskraft. Diese setzte er als Wissenschafter, als Lehrer und las Arzt, zielvoll und selbstlos ein; so dass seine Gedanken und seine Arbeiten beispielhaft und zukunftweisend für die Erziehung, für die Medizin und für das soziale Leben bleiben werden.

Möge sein guter Geist weiterwirken und beitragen zum Gedeihen der neuen Schule. </TD>


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