Eröffnungsansprache von Christian Grah

16. September 2000

Sehr verehrte Anwesende,

liebe Freunde der Eugen Kolisko Schule,

heute ist ein Freudentag für alle, die seit langen Monaten für die Existenz der Eugen Kolisko Schule gekämpft haben ! Es ist insbesondere auch ein Freudentag für alle Eltern und Angehörige der Schülerinnen und Schüler dieser Schule. Vor allem aber ist dieses ein Festtag für die 35 Kinder, die seit der letzten Woche Schüler dieser Schule sein können, die wir so eindrucksvoll gerade haben eben wahrnehmen können. Aber ist es nur ein Freudentag für die alle, die nun oder in der Zukunft Nutznießer dieser Schule sein können ? Ich glaube, es gibt noch mehr Anlaß zur Freude !

Mit der Eugen Kolisko Schule feiert der geistige Impuls einen Triumph, der für ein freies Bildungswesen in Spandau und seiner Umgebung, dieser Grenzregion zwischen alten und neuen Bundesländern, kämpft; der für ein freies Bildungswesen in Deutschland, seiner Hauptstadt, mit langer Bildungstradition kämpft. Ja, es ist damit ein winziges kleines Stück mehr freies Bildungswesen in der Welt geschaffen !

Und die Entstehungsgeschichte der Schule steht für "das freie - ganz in sich selbst verantwortete - Bildungswesen" in besonderem Maße.

Nicht nur, daß jegliche staatliche Hilfe bisher fehlt, daß viele Widerstände überwunden werden mußten, sogar auch die Solidarität der Waldorfbewegung hat sich in Anbetracht fehlender öffentlicher Gelder bislang vornehm zurückgehalten vor diesem taumelnden freien Raum, dem sich diese Schule stellen muß!

Ist das nicht Übermut ? Können wir heute mit so wenig materieller Sicherheit eine Schule starten ?

Welche Idee ist so stark, daß trotz all' der widrigen Umstände die Gründer dieser Schule zusammen mit den Lehrern und getragen durch die Elternschaft, die diesen Entschluß zur Gründung gefaßt haben ?

Es ist nicht allein die Unzufriedenheit über die Verhältnisse an den öffentlichen Schulen, Lehrerausfall, Gewaltprobleme, Notendruck, fehlende künstlerische Förderung....

Unzufriedenheit allein ist nicht stark!

Oder ist es der Wunsch nach einer Eliteschule? Etwas besonderes, was über das Normale der öffentlichen Schulen hinausragt? - Nein! Waldorfschulen als Eliteschulen zu bezeichnen, dass ist ein riesiger Irrtum! Und ein freies Bildungswesen muß überhaupt nicht bedeuten, daß Eltern die öffentlichen Schulen mit ihren Steuern finanzieren und ihren eigentlichen Bildungswillen darüber hinaus ein zweites Mal aufbringen ! Das ist eine Nötigung unserer Bildungsgesetzgebung in Deutschland und speziell in Berlin und wir können nur alle hoffen, daß es nicht die Signatur des 21.Jahrhunderts bleiben wird, daß man sich diese Freiheit zur Bildung erkaufen muß in unserem Staate! Denn die Freiheit darf keine Einrichtung einer materiellen Elite sein und dafür hat unser Staat Sorge zu tragen und dafür werden wir auch hier in Kladow kämpfen !

Aber die Kraft eine solche Schule ins Leben zu rufen kommt von einer Idee: Es ist die Idee eine Erziehung zu haben in der alles getan wird, dass Kinder sich zu freien, sich selbst bestimmten Wesen entwickeln können. Das wir nicht Erziehen um gute und brave Staatsbürger zu schaffen die an die bestehenden Verhältnisse angepasst werden. - Was unsere Welt braucht sind Menschenkinder, die ganz Neues in sich entwickeln können -, etwas was dieses junge Jahrhundert bereichert und zu entwickeln hilft, was die Probleme lösen hilft die wir als Erbe aus dem letzten Jahrhundert mitgenommen haben.

Wir brauchen Menschen die neue Fähigkeiten entwickeln, die fähig sind zu neuen sozialen Strukturen, wir brauchen Menschen die wenn sie einmal im Leben stehen soziale Kompetenz in sich entwickelt haben!

Wir glauben das wir in unseren Bildungseinrichtungen den Raum schaffen müssen, damit sich neue Fähigkeiten entfalten können, die die Schattenwürfe des 20. Jahrhunderts überwinden helfen; wie sollen wir sonst jemals Gewalt überwinden?, das Suchtproblem überwinden?, den Rassismus überwinden?

Nur wenn dem Menschen auf seinem Weg zu einem freien Wesen die Tore zur Entwicklung weiter geöffnet werden!

Wir können fragen: Ist das nur für die Waldorfpädagogik reserviert? Das gilt doch für alle die mehr wollen als bloßes Bildungsbürgertum! Freilich, dass muß die Signatur eines jeden freien Bildungsimpulses sein, deren es viele gibt - nicht nur die Pädagogik, die aus der Anthroposophie heraus von Rudolf Steiner vor 81 Jahren begründet wurde.

Was kann aber eine Schulidee so stark machen, daß sie die widrigen Umstände der knapper werdenden finanziellen Ressourcen überwindet ?

Ist Waldorf-Pädagogik heute noch an der Zeit ? Ist diese Schulidee nach 81 Jahren überhaupt noch stark?

Diese Pädagogik der Waldorf Schulen wird ja viel in Frage gestellt in der letzten Zeit - und das finden wir nicht schlimm, denn um die Freiheit darf man streiten - solange sie nicht verleumdet wird ! Und Verleumdung ist es, wenn man behauptet, Waldorf-Pädagogik kämpfe nicht für den freien Menschen auf der ganzen Erde, aller Völker und Rassen in einem Menschenbild in dem die Würde jedes Volkes gepflegt wird!

Das können gerade wir heute sagen, da wir einen Menschen unter uns haben, der einen beträchtlichen Teil seines Lebens für die Entwicklung dieses Impulses in der Welt verwendet hat: "Horst Hellmann, ich danke Dir, daß Du unser Gründungslehrer geworden bist !"

Die Signatur des freien Bildungswesens enthält aber die Seite der Wahlfreiheit für spezifische Farben in der pädagogischen Landschaft. Eltern müssen sich frei entscheiden dürfen. Wir wollen uns nicht mehr vorschreiben lassen, welches Bildungssystem für unser Kind für gut befunden wird. Das können wir ganz allein, wir Eltern des 21. Jahrhunderts !

Und so können alle jetzt im Westen Berlins die Waldorf-Pädagogik wählen. Wir können jetzt zeigen das diese Idee stark ist. Hier kann die Idee leben erhalten, es kann ganz konkret für die Kinder der Eugen Kolisko Schule ihr Weg geöffnet werden, für das, was an zukünftigen Impulsen in ihnen lebt, indem nicht nur einseitige, seelisch verarmte Intellektualisten erzogen werden.

Diese Idee enthält in ihrem Kern etwas weiteres: den Impuls der Präventivmedizin: Bildung darf nicht nur schlau machen, sie muß auch Gesundheit schaffen! Dieses ist ein Kernimpuls der Pädagogik Rudolf Steiner´s. Es ist das Ziel und die Fähigkeit dieser Pädagogik. Das zeiget die Wirklichkeit an den Waldorfschulen, daß nicht so viele Krankheiten wie Asthma und Neurodermitis auftreten, wie dieses in den letzten Jahrzehnten seuchenartig sonst der Fall ist. Das Rudolf Steiner dieses nicht nur behauptet hat, sondern daß es stimmt, hat inzwischen eine international anerkannte Studie nachgewiesen. Aber auch, daß nicht mit 30, 40, 60 Jahren, der Leib anfängt überall an den Folgen der Vereinseitigung des Menschseins zu zerbrechen, das ist das Ziel dieser Pädagogik: Präventivpädagogik.

Die Gründer der Eugen Kolisko Schule sind der Überzeugung, daß diese Pädagogik dann so stark ist, wenn sie sich auf ihre tragenden Grundelemente besinnt und zugleich Schule des 21. Jahrhunderts ist !

Dann ist unsere Schule so stark, daß wir eine Gründung trotz aller widrigen Umstände verantworten können, dann können wird den geistigen Impuls des freien Bildungswesens mittragen. In Havelhöhe lebt und entwickelt sich seit nunmehr 5 Jahren der Impuls der anthroposophisch ergänzenden Medizin, dieses ist das Umfeld das nach einem solchen pädagogischen Impuls, wie es die Waldorf-Pädagogik abgibt.

Deswegen sind wir sehr froh für unsere Leitidee auch einen eigenen Namen gefunden zu haben der uns immer wieder an unseren Gründungsimpuls erinnert: In dem wir der Schule den Lebensimpuls einer Persönlichkeit auf die Fahne schreiben, die vieles von dem verkörpert was wir uns vorgenommen haben: die wie ein Programm für dieses pädagogische Prinzip sein kann:

Wir glauben in Eugen Kolisko eine Persönlichkeit zu erblicken, die ein würdiger Repräsentant dieses geistigen Impulses ist. Ein Schüler Ruldolf Steiner´s, Schularzt und Lehrer der ersten Waldorfschule, wissenschaftlich auf der Höhe seiner Zeit und medizinischen Tradition und vor allem ausgezeichnet durch seine innere Wahrhaftigkeit und seinem Mut, zu seinen Ideen gradlinig zu stehen; das ist ein würdiges Vorbild für den Geist, der an dieser Schule lebendig sich entwickeln soll.

So wünsche ich der Eugen Kolisko Schule Berlin, Havelhöhe, eine Zukunft, in der sie sich der Verantwortung vor dem sich zur Gesundheit entwickelnden und seinen eigenen Impulsen gemäß reifenden Menschenwesen immer bewußt bleibt.

Herzlichen Dank


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