8 Nr.2     JUNI 2001 EUGEN KOLISKO SCHULZEITUNG 
Aus dem Rechenunterricht der 1.Klasse
Neulich sprach mich ein Schulvater an: Warum rechnen Sie denn immer andersherum, warum denn 10 = ? und nicht wie wir es normalerweise kennen 7+3= ?

Ja warum denn eigentlich?

Dieses „Andersherumrechnen“ ist beim Anfangsunterricht im Rechnen von ganz grundlegender Bedeutung: Geht man von 7 + 3 = ? aus, so gibt es nur eine richtige Antwort, geht man aber von 10 = ? aus, gibt es eine Menge richtiger Antworten, wie Sie aus den abgedruckten Beispielen sehen können. Diese Art mit der Addition umzugehen ist etwas Grundsätzliches und Individuelles: Wenn eine Frage mehrere Antworten enthält, beleuchtet man sie nach mehreren Gesichtspunkten, und genau das ermöglicht ein Lernen in Vielfalt und auch ein Stück individuelle Freiheit. Ein Kind, daß viel Zeit mitbringt, kommt unter Umständen darauf daß 10 = 1 + 1 + 1 + 1 + 1....ist, ein Kind mit weniger Zeit findet dann eher 5 + 5. In unserem Rechenunterricht fand Michael heraus: 10 = 1 + 2 + 3+ 4 und als nächste Aufgabe fand er dann 10 = 4 + 3 + 2 + 1. Hier hat er eine ganz eigene Entdeckung gemacht, eine Gesetzmäßigkeit erkannt . Wenn man so herangeht, fördert man ein individuelles und ganzheitliches Denken.

Demgegenüber steht das additive Prinzip, bei dem man durch Aneinanderreihung von Einzelteilen das Ergebnis erhält. Dieses Prinzip wird bei uns auch gerechnet, doch unterstreichen wir gerade im Anfangsunterricht das „Andersherumrechen“. In der Regel kennen wir Erwachsenen aus unserer Schulzeit (Waldorfschüler ausgenommen) nur das additive Prinzip und auch in unserer Gesellschaft herrscht das ergebnisorientierte Denken vor. Wir benötigen jedoch beide Denkformen: Ein Erfinder z.B. denkt immer zunächst das Ganze und differenziert dann innerlich, genauso wie bei der Entstehung der Zelle, die sich bei Höherentwicklung immer weiter differenziert. Hat der Erfinder seine Erfindung zu Ende gedacht, ist ein additives Erfassen notwendig um das Ganze herzustellen, doch dies überläßt der Erfinder dann oft den Technikern. Wichtig ist, dass wir beides ausbilden sowohl den Erfinder als auch den Techniker.

Monika Di Donato

Nathalie, 1.Klasse
Judith, 1.Klasse
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